TEN PEN CHii art labor

i-ki - an interactive body-dance-machine

Choreographie, Tanz Yumiko Yoshioka (J/D)
Installation, Inszenierung, Idee, Konzept Joachim Manger (D)
Komposition, Musik Zam Johnson (US/D)
Lichtdesign Rainer Grönhagen (D)

Die beiden agierenden Protagonisten der Performance ‘i-ki an interactive body-dance-machine‘ sind die Butoh-Tänzerin Yumiko Yoshioka und eine Installation von Joachim Manger. Bei der Installation handelt es sich um ein aufblasbares Kunststoffsystem, das von außen manipuliert wird, ohne dass die Tänzerin darauf einen Einfluss hätte.

‘i-ki‘ bedeutet einerseits 'Leben‘, andererseits 'Atem‘ und beide Protagonisten gleichen sich darin, dass sie zum Leben der Luft des Atmens bedürfen. Bei ihrem Eintritt in dieses eigenständig atmende Kunststoffsystem reagiert die Tänzerin zunächst mit Befremdung und Orientierungslosigkeit. Später gewöhnt sie sich immer mehr an die neue Umgebung, bis sie schließlich richtig in ihr zu leben beginnt. Plötzlich aber entfaltet auch das System ein Eigenleben, bläht sich auf und entwickelt sich zu einer ernsthaften Bedrohung für das Leben der Tänzerin.

Diese Bedrohung - und darin liegt das Experimentelle und Neuartige des Stückes ‘i-ki‘ - wird authentisch sein. Die Tänzerin gerät während der Performance tatsächlich in Gefahr, muss tatsächlich gegen das bedrückende System um ihr Leben kämpfen. Indem ‘i-ki‘ auf diese Weise das Ausgeliefertsein des Menschen gegenüber der von ihm geschaffenen, aber nun eigenmächtig agierenden Technologie exemplarisch darstellt, wird die alltägliche Bedrohung unser aller Leben durch ähnliche Systeme transparent. Mag das nun im Einzelnen Gentechnik sein, die Atomkraft oder die Medienindustrie.

In Verbindung mit Musik und Licht formen sich Tanz und Installation vor den Augen des Zuschauers zu einem Erlebnisraum, in dem die Grenze zwischen Inszenierung (gespielte Angst) und Wirklichkeit (reale Angst) keine Gültigkeit mehr besitzt.

Text: Stefan Höppe


8. September 2000
Rheinische Post
Ria Theens

Ungewöhnliche Auffühmng beim Japan-Festival im tanzhaus: Butoh-Tanz in einer Kunst-Installation

Ein Leben in Klarsichtfolie

Sind wir noch weit entfernt davon oder schon nahe daran, nur mehr in Gebilden aus Klarsichtfolie mit komplizierter Luftzufuhr existieren zt können? Eingeschlossen und geschützt wie ein Insekt im Bernstein oder wie Dornröschen hinter der Dornenhecke? Dieser Frage spüren die Butoh-Tänzerin Yumiko Yoshioka und der Installationskünstler Joachim Manger weniger bedrückt als vielmehr höchst neugierig nach.
Unter dem fast außerirdischen, zumindest ungewöhnlichen Titel „i-ki -an interactive body-dance-machine" verblüfften sie im Rahmen des sechsteiligen Japan-Festivals im tanzhaus mit einer Darbietung der ungewöhnlichen Art.
Zu sehen sind lauter Gebilde aus Klarsichtfolie, ein Fernseher mit einem einzigen beobachtenden Auge auf dem Schirm, ein großer toter Fisch ohne Kopf, mehrfach ausgewiesen als Kostbarkeit. Aufblasbares Sofa, aufgeblasenes Bett, drei aufblasbare Wohnräume. Darin und darauf bewegt sich Yumiko Yoshioka zunächst heiter hüpfend, dann raum-forschend, indem sie sich durch Verbindungskanäle von einem Luftzimmer ins andere schlängelt.

Bedrohliche Lage

Zuletzt empfindet sie ihre Lage mehr und mehr als bedrohlich; sie will aus der Hülle heraus. Wie ein Insekten tastet sie sich - zuerst mit den Händen, dann mit den Füßen, schließlich in voller Größe - aus dem Kunststoff-Kokon in die unbegrenzte Weite. Da wartet seit 65 Minuten ein stiller irdischer Prinzenmann, dem sie den Fisch schenkt und sieh dann kuschelnd in seine Obhut begibt.
Ein getanztes Märchen. Wie verzaubert ferngesteuert zu teils bizarren Bewegungen einerseits, feierlichen Gesten und geschmeidigem Schlängeln auf engem Raum andererseits. Ausgelöst wird dies durch einen zumeist unangenehmen Geräuschteppich - aufrüttelndes Weckerklingeln inbegriffen.
Nicht grundlos sucht man als Zuschauer herauszufinden, auf welchem Weg die Folienskulpturen aufgeblasen werden und zusammensinken. Oder wie der gar nicht so kleine Sauerstoffzufuhr-Apparat funktioniert, den die Tänzerin unter der weiten Hose an der Taille trägt.
Tatsächlich ist die Arbeit der beiden in Berlin lebenden Künstler nicht ungefährlich. Sie experimentieren zur Zeit bereits an einem neuen Projekt über Baum und Lebensbedingungen, das für die Bühne noch nicht sicher genug ist. Schließlich sollen bei den märchenhaften Bildern mit verzauberter Butoh -Tanzprinzessin nicht allein die Zuschauer den Atem anhalten, sondern Yumiko Yoshioka auf jeden Fall stets genügend Luft bekommen. Riesenbeifall.


23./24. 0KT0BER 1999
NEUES DEUTSCHLAND BERLIN
Tom Mustroph

Wie eingeschlossen in einem Bernstein

Bezaubernde Performance im Tacheles

Es ist bekannt, was einen bei der interdisziplinären Künstlergruppe »Ten Pen Chii« erwartet. Es sind expressive, unglaubliche, einfach hinreißende Bewegungen der Tänzerin und Choreographin Yumiko Yoshioka, tolle Musik von Zam Johnson und immer wieder eine verblüffende, über ein Bühnenbild weit hinausgehende Installation von Joachim Manger.
So auch bei »i - ki«, der neuesten, derzeit im Tacheles gezeigten Produktion. Neben dem Erwarteten gibt es Überraschendes. »Ten Pen Chii« stand bislang für die rabiate Konfrontation verletzlicher Menschenkörper mit imposanten und gefährlichen technischen Apparaturen wie riesigen Stahlkugeln oder Wasser- und Druckluftbehältern. Die Performer waren der Technik ausgesetzt, hatten keine Chance gegen die gewaltigen Geräte Mangers. Auch jetzt wäre es verfehlt, der Performance »i - ki« den Sieg von Mensch über Maschine unterzuschieben. Aber die Brachialmetaphern sind einer zarten Sinfonie der Farben und Bewegungen gewichen. Yumiko Yoshioka ist umhüllt von transparenten Folien. Gefüllt mit Druckluft, erheben sjch die Folien zu Skulpturen, werden Liegemöbel, Häuser, Käfige. Durch ein ausgeklügeltes System von Ventilen kriecht die Performerin in die luftigen Gebilde. Sie bieten ihr Schutz. Die pulsierende Plastik verlängert die Bewegungen der Tänzerin. Die Grenzen zwischen Mensch und unbelebten Objekt verschwimmen; es entsteht ein neues hybrides Wesen. Lichtreflexe (Lichtdesign Rainer Grönhagen) brechen sich an der Oberfläche, multiplizieren sich zu einem sanft plätschernden Meer. Zuweilen ein Halt: Die Frau erinnert an ein auf Jahrtausende im Bernstein eingeschlossenes Insekt. Unmerklich verschiebt sich das heitere, bezaubernde Spiel hin zum Symbol der Bedrohung. Dem schützenden System ist nicht zu entkommen. Zudem birgt seine Funktionsweise Gefahr: Zu viel Luftdruck presste die Performerin zusammen, zu reines Vakuum ließe sie ersticken. Theater wird plötzlich authentisch. Und verzichtet dennoch auf den erhobenen Zeigefinger, denn verabschiedet wird man mit einem furiosen Tanz der Frau nach der Befreiung aus der Umhüllung.